„Jahr ohne Frühling“ bringt explosionsartiges Wachstum und durchschnittliche Getreideernte

v.l.n.r. Gerald Orth (BWV-Ortsverein Gimbsheim), Adolf Dahlem (Vorsitzender BWV-Fachausschuss Pflanzenbau), BWV-Präsident Eberhard Hartelt

(bwv) Mainz. Die Landwirte im südlichen Rheinland-Pfalz sind insgesamt zufrieden mit den bisherigen Ergebnissen der diesjährigen Getreideernte, auch wenn durch Trockenheit und Hitze das mögliche Potential der Region nicht erreicht werden konnte. Diese erste Bilanz zog der Präsident des Bauern- und Winzerverbandes Rheinland-Pfalz Süd e.V. (BWV), Eberhard Hartelt, bei der Erntepressekonferenz des Verbandes am 12. Juli 2018 im rheinhessischen Gimbsheim. In Bezug auf den fast nahtlosen Übergang des langen Winters in den wärmsten April seit Wetteraufzeichnungen sprach Hartelt von einem Jahr ohne Frühling.

Die hohen Temperaturen in Verbindung mit der guten Wasserversorgung aus dem Winter führten zunächst zu einem explosionsartigen Wachstum und zu Arbeitsspitzen in nahezu allen Kulturen. Der weitere Verlauf der Vegetationsperiode war durch fehlenden Regen und heiße Phasen geprägt. Aufgrund dieser Witterung erwarte man nur eine durchschnittliche Erntemenge beim Getreide. In Anbetracht der dürrebedingten massiven Ernteausfälle, insbesondere im Norden und Osten der Bundesrepublik, gebe es laut BWV-Präsident aber keinen Grund zu klagen. Zwar gebe es durch die sehr unterschiedliche Verteilung der wenigen Niederschläge in der Vegetationsperiode lokal schwankende Erträge, aber die Qualitäten würden flächendeckend, bis auf wenige Ausnahmen, die Anforderungen erfüllen.

Die Winter- und Sommergerstenernte sei im gesamten Verbandsgebiet fast abgeschlossen. In den Frühdruschregionen Rheinhessen und Südpfalz sei auch ein Großteil des Weizens schon geerntet. In der Nord- und Westpfalz und in den Gebieten, in denen Niederschläge die Reife verzögerte, laufe sie in diesen Tagen erst an. Enttäuschung habe es bei den ersten schon geernteten Partien Raps gegeben, der im Laufe seines Wachstums unter Wetterstress gelitten habe. Große Temperaturschwankungen und Hitze bescherten den Landwirten Erträge, die deutlich unterhalb des Durchschnitts liegen. Mit Blick auf den Getreide- und Rapsmarkt sprach BWV-Präsident Hartelt von steigenden Preistendenzen bei einem derzeit aber nicht ausreichenden Niveau. Die Erzeuger hielten sich deshalb noch zurück und warteten die weitere Entwicklung ab.

Die Mais- und Zuckerrübenbestände seien weniger beeinträchtigt durch die geringen Regenmengen der letzten Wochen, da die entscheidende Phase erst bevorstehe. Noch überwiege eine positive Ertragserwartung, aber nur bei ausreichender Wasserversorgung. Die Landwirte hoffen deshalb auf zeitnahe Niederschläge. Dies gelte auch für die Futterbaubetriebe. Aktuell gebe es keinerlei Wachstum auf Grünland, Wasser sei dringend notwendig.

Bei Spargel und Erdbeeren führte die konstant viel zu warme Witterung zu unerwartet großen Mengen am Markt und einem niedrigen Preisniveau. Gleiches gelte auch für Kirschen, die darüber hinaus noch mit Importware konkurrieren mussten, obwohl ausreichend einheimische Früchte vorhanden gewesen seien. Diese Situation habe es erneut auch zu Beginn der Gemüse- und Frühkartoffelsaison gegeben. Trotz eines frühen Saisonstarts, habe sich der Marktzugang anfangs sehr schwierig dargestellt, da der Lebensmitteleinzelhandel (LEH) weiterhin ausländische Ware verkauft habe, trotz permanenter Regionalitätsversprechen. Die Frühzeitigkeit der Pfalz, die das Einkommen der Betriebe entscheidend stützt, konnte deshalb nicht genutzt werden. Eine weitere Herausforderung für die Sonderkulturbetriebe sei die steigende Schwierigkeit ausreichend geeignete Saisonarbeitskräfte zu finden. Der Präsident des BWV forderte deshalb eine Entfristung der 70-Tage-Regelung für die sozialversicherungsfreie Beschäftigung, die Ende des Jahres ausläuft.

Für die Weinlese prognostizierte Hartelt einen noch früheren Beginn als vergangenes Jahr. Der Gesundheitszustand der Reben und Trauben sei in den beiden größten deutschen Anbaugebieten sehr gut. Außerhalb der durch Unwetter geschädigten Weinberge gebe es eine überdurchschnittliche Ertragserwartung. In der Nacht zum 1. Juni 2018 gab es in Rheinhessen auf ca. 3.300 ha Hagelschäden in unterschiedlicher Stärke, in der Südpfalz wurden in der gleichen Nacht ca. 500 ha massiv geschädigt. In diesen Regionen waren auch Zuckerrüben- und Getreideflächen betroffen.

Wetterkapriolen und Unwetter entwickeln sich in den letzten Jahren zu einer zunehmenden Herausforderung für die Betriebe, nicht nur im südlichen Rheinland-Pfalz. Das Risikomanagement werde daher immer wichtiger. Vor diesem Hintergrund dürften der Ausbau von Beregnung oder die Installation von Kulturschutzeinrichtungen nicht behindert werden. Auch die regelmäßige Pflege von Entwässerungsgräben sei hinsichtlich der zahlreichen Starkregenereignissen in diesem Jahr dringend geboten, um Überschwemmungen von Feldern und Wohnraum zu verhindern. Als wichtigen Baustein der Risikoabsicherung sieht der BWV-Präsident auch die Direktzahlungen der Gemeinsamen Agrarpolitik der EU, die in der bisherigen Höhe erhalten bleiben müssten.